Berlin, 17. Juni 2026 – Berlin wächst – seine Infrastruktur aber hält nicht mit. Marode Schulen, überlastete Krankenhäuser, bröckelnde Brücken, zu wenig bezahlbarer Wohnraum: Die Folgen jahrzehntelanger Unterinvestition prägen den Alltag von Millionen Menschen in der Hauptstadt. Gleichzeitig verlangen Klimawende, Digitalisierung und der Umbau der Wirtschaft hohe öffentliche Investitionen in die Zukunft.
Vor diesem Hintergrund hat die Hans-Böckler-Stiftung in Kooperation mit dem Deutschen Gewerkschaftsbund Berlin-Brandenburg die Studie „Zukunft beginnt heute! Mit öffentlichen Investitionen für Demokratie, Gerechtigkeit und Wohlstand in Berlin" in Auftrag gegeben, die heute in Berlin vorgestellt wurde. Erstellt wurde sie von der Forschungsgruppe für Strukturwandel und Finanzpolitik (FSF) Hannover. Das Ziel der Untersuchung: eine konkrete Bedarfsanalyse für das Land Berlin zu erstellen und Finanzierungsoptionen aufzuzeigen.
Investitionsbedarf: Über 100 Milliarden Euro in zehn Jahren
Die Studie analysiert den Investitionsbedarf in fünf zentralen Handlungsfeldern. Das Ergebnis ist eindeutig: Für Infrastruktur, Bildung, Gesundheit, Klimaneutralität und Wohnen müssen in Berlin bis 2035 insgesamt 100,5 Milliarden Euro investiert werden – rund 10 Milliarden Euro pro Jahr.
Im Einzelnen:
- Netzinfrastruktur (Verkehr, Breitband, Energie, Wasser): 23,7 Mrd. Euro
- Bildungsinfrastruktur (Schulen, Hochschulen): 25,5 Mrd. Euro
- Gesundheitsinfrastruktur (Krankenhäuser, Pflege): 5,2 Mrd. Euro
- Klimaneutralität (Landesverwaltung und Unternehmen): 18,5 Mrd. Euro
- Bezahlbares Wohnen: 27,6 Mrd. Euro
Investitionsquote nachhaltig absichern
Zwar hat Berlin in den vergangenen Jahren seine Investitionsquote auf 13 Prozent gesteigert – dieser Anstieg ist jedoch auf den Verbrauch von Rücklagen und eine steigende Neuverschuldung zurückzuführen. Gemäß der aktuellen Finanzplanung des Landes droht die Investitionsquote nach 2029 wieder auf nur acht Prozent zu sinken.
Der Ökonom und Mitautor der vorliegenden Studie, Torsten Windels von der Forschungsgruppe für Strukturwandel und Finanzpolitik, kommentiert:
„Die Investitionsquote wurde in Berlin in den letzten Jahren deutlich erhöht (13 Prozent). Dies ist positiv, wird aber durch den Verbrauch von Reserven und durch Verschuldung finanziert. Hier war Berlin bislang sehr kreativ, kann dies aber nicht lange so fortsetzen. Gemäß der Finanzplanung des Landes fällt die Investitionsquote bereits nach 2029 wieder auf acht Prozent zurück. Dies passt nicht zu den festgestellten Investitionsbedarfen. Insgesamt fehlt dem Land bisher eine längerfristige finanzpolitische Strategie zur Deckung festgestellter Bedarfe und deren Finanzierung. Die Investitionsbedarfe dürfen nicht gegen den Sozialstaat gestellt werden, sondern brauchen eigene Finanzwege. Zur Bewältigung dieser langfristigen, strukturellen Modernisierung des öffentlichen Kapitalstocks braucht es auch eine Stärkung der Landeseinnahmen – durch landeseigene Möglichkeiten, aber auch Initiativen für eine Neuordnung des Finanzausgleichs sowie höhere Steuern."
DGB: Investitionen schaffen Vertrauen und Wohlstand
Nele Techen, stellvertretende Vorsitzende des DGB Berlin-Brandenburg, unterstreicht die Bedeutung der Studie für die Landespolitik:
„Berlin wächst – aber die Investitionslücke wächst mit. Sanierte Schulen, pünktliche Bahnen, reparierte Brücken: Das stärkt Vertrauen in den Staat und die Demokratie. Und öffentliche Investitionen sind zugleich das wirtschaftliche Fundament, das Berlin braucht. Investitionen in Infrastruktur und Klimaneutralität sind Voraussetzungen dafür, dass Berlin als Industrie- und Dienstleistungsstandort zukunftsfähig bleibt. Sie müssen zugleich dafür sorgen, dass tarifgebundene, mitbestimmte und zukunftsfeste Arbeitsplätze entstehen. Gute Arbeit, exzellente Bildung und bezahlbares Wohnen sind keine Extras: Sie sind die Grundvoraussetzungen dafür, dass Berlin lebenswert bleibt. Das Sondervermögen des Bundes schafft neue Spielräume, reicht aber nicht aus. Diese Studie zeigt, was nötig ist. Die Berliner Landespolitik muss die Konsequenzen ziehen: mit einer längerfristigen Investitionsstrategie, einer gestärkten Einnahmeseite und dem politischen Willen, die Zukunft dieser Stadt für die Menschen zu gestalten."
DGB Berlin-Brandenburg fordert Investitionsoffensive
Der DGB Berlin-Brandenburg fordert auf Grundlage der Studienergebnisse:
Investitionsoffensive für Berlin: Investitionslücken bei Infrastruktur, Bildung, Gesundheit und Wohnen müssen zügig geschlossen werden. Der öffentliche Nahverkehr darf nicht weiter auf Verschleiß gefahren werden, Schulen und Krankenhäuser nicht länger unterfinanziert bleiben. Privatisierungsstrategien und öffentlich-private Partnerschaften lehnt der DGB als letztlich teure Instrumente für diese Aufgaben ab.
Sozial-ökologische Transformation gestalten: Damit Berlin ein Industriestandort mit vielfältiger Dienstleistungswirtschaft bleibt, braucht es Gute Arbeit als Leitprinzip der Wirtschaftspolitik – tariflich abgesichert, mitbestimmt, qualifiziert und durch öffentliche Investitionen aktiv gefördert. Transformation gelingt nur mit Beteiligung der Beschäftigten.
Einnahmeseite stärken und Schuldenbremse reformieren: Die Berliner Landesregierung muss die Einnahmeseite der öffentlichen Hand sozial gerecht stärken und sich für eine Besteuerung großer Vermögen sowie eine Reform der Schuldenbremse einsetzen. Investitionsbedarfe dürfen nicht gegen Sozialleistungen ausgespielt werden.
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»Zukunft beginnt heute!« Mit öffentlichen Investitionen für Demokratie, Gerechtigkeit und Wohlstand in Berlin Die Studie untersucht den öffentlichen Investitionsbedarf Berlins in den Jahren 2026 bis 2035 in den Bereichen Infrastruktur, Klimaneutralität, Bildung, Gesundheit und Wohnen. Sie prüft verschiedene Möglichkeiten, die öffentlichen Haushalte zu stärken und die erforderlichen Mittel bereitzustellen. Download PDF