Deutscher Gewerkschaftsbund

10.06.2013

Preisverleihung Band für Mut und Verständigung 2013

Am 7. Juni 2013 verlieh das Bündnis der Vernunft gegen Gewalt und Ausländerfeindlichkeit zum 20. Mal das „Band für Mut und Verständigung“ an Bürgerinnen und Bürger, die Mut und Zivilcourage gegen rassistische Gewalt bewiesen sowie sich in langjähriger ehrenamtlicher und engagierter Arbeit der interkulturellen Verständigung in Berlin oder Brandenburg gewidmet haben.

Das Bündnis der Vernunft freut sich ganz besonders, dass Bundespräsident Joachim Gauck als Schirmherr für die diesjährige Veranstaltung gewonnen werden konnte.

Ausgezeichnet werden in diesem Jahr:

  • Der Verein „Belziger Forum e. V.“

  • Das Büro zur Umsetzung von Gleichbehandlung – BUG e. V.

  • Der SV Rot-Weiß Viktoria Mitte 08 e. V.

Die Preise werden übergeben von Berlins Regierendem Bürgermeister Klaus Wowereit.

Da das „Band für Mut und Verständigung“ 2013 bereits zum 20. Mal verliehen wird, waren auch alle ehemaligen Preisträgerinnen und Preisträger eingeladen, mitzufeiern.

Preisträger/innen „Band für Mut und Verständigung 2013“

Belziger Forum e. V.

1993 kam es in Bad Belzig zu einem brutalen Überfall von rechten Jugendlichen auf den marokkanischen Asylbewerber Belaid Baylal. Er erlitt schwere innerliche Verletzungen, an deren Spätfolgen er acht Jahre später starb. In dieser Zeit geriet die Stadt immer wieder als „Hochburg rechter Gewalt“ in die Schlagzeilen. Rechte Aufmärsche, Übergriffe auf Migrant/innen und andersdenkende Jugendliche waren an der Tagesordnung. Aus diesem Grund gründete sich 1997 das „Bad Belziger Bürgerforum gegen Rechtsextremismus und Gewalt“. Ein Jahr später entstand daraus der Verein „Belziger Forum“, der ganz entscheidend dazu beigetragen hat, dass sich die Atmosphäre in der Stadt innerhalb den letzten Jahre grundlegend veränderte. Eine besondere Rolle spielt hierbei das Infocafé „Der Winkel“, dessen Träger der Verein ist. Ebenfalls 1998 gegründet, ist es mittlerweile zu einer festen Institution in der Stadt Belzig geworden und gilt überregional als beispielgebend für eine gelungene Integrationsarbeit. Insbesondere für die in Bad Belzig lebenden Migrant/innen, Flüchtlinge und Asylsuchenden ist „Der Winkel“ ein wichtiger Treffpunkt, wo sie Beratung, Begleitung bei Behördengängen und Hilfe bei Übersetzungen erhalten. Für viele der Migrant/innen bedeutet das Infocafé jedoch vor allem deshalb so viel, weil sie hier selbst aktiv werden und ihre Kenntnisse und Erfahrungen einbringen können. So organisieren und gestalten sie regelmäßig gemeinsam mit den Mitarbeiter/innen des Cafés Länder- und Kulturabende, Gesprächskreise und Weltmusikveranstaltungen. Um Vorurteile abzubauen und das gegenseitige Verständnis zu fördern, setzt sich der Verein „Belziger Forum“ außerdem für eine enge Zusammenarbeit mit den Belziger Schulen ein. Projekte, wie Französisch-Unterricht mit afro-europäischem Themenschwerpunkt, Treffen zwischen Schülern und Flüchtlingen im Infocafé sowie Schulpartnerschaften zwischen Kamerun und Belzig trugen dabei entscheidend dazu bei, über persönliche Kontakte Schwellenängste abzubauen und den Erfahrungshorizont der Schüler positiv zu erweitern.

Dass sich Migrant/innen in Bad Belzig mittlerweile wieder frei bewegen können, ist vor allem dem Verein „Belziger Forum“ und dem Netzwerk aus Stadt, Kirchen, Schulen und Wohlfahrtsverbänden zu verdanken.

Büro zur Umsetzung von Gleichbehandlung e.V. (BUG)

Das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz, kurz AGG, trat 2006 in Deutschland in Kraft. Demnach ist Diskriminierung aufgrund der ethnischen Herkunft, der Religion, des Geschlechts, des Alters, einer Behinderung oder der sexuellen Orientierung verboten. Bisher findet das Gesetz allerdings kaum Anwendung, was vor allem daran liegt, dass nur sehr wenige Anwälte sich damit auskennen. So entstanden zwar viele Beratungsstellen, an die betroffene Personen sich wenden können, vor Gericht landet aber kaum eine der Klagen.

Vera Egenberger sah hier dringenden Handlungsbedarf und gründete deshalb 2009 gemeinsam mit anderen Interessierten aus Wissenschaft, Gewerkschaft und Betroffenengruppen das Büro zur Umsetzung von Gleichbehandlung (BUG), welches sie ehrenamtlich leitet. Seitdem bietet die Organisation Betroffenen, die sich vor Gericht gegen Diskriminierung zur Wehr setzen wollen, juristischen Beistand an. Der Schwerpunkt liegt dabei auf Klagen, die über die individuelle Situation der betroffenen Einzelperson hinaus, einer gesamten Gruppe zugute kommen – sogenannte strategische Klagen. Ein Beispiel dafür ist der Fall eines jungen Mannes, dem aufgrund seiner ethnischen Herkunft der Zugang zu einer Diskothek in Reutlingen verwehrt wurde. Ein weiterer Fall, in dem das BUG erfolgreich Unterstützung leistete, betraf die Praxis des „Ethnic Profiling“ der Bundespolizei. Dieses Urteil löste eine breite Debatte bezüglich dieser Praxis in Politik, Medien und Gesellschaft aus. Aufgrund der geringen Anzahl von Präzedenzfällen, gibt es derzeit im Antidiskriminierungsbereich nur wenig Rechtssicherheit. Diese zu stärken, ist eines der Ziele des BUG. Dafür motiviert es Menschen, die sich diskriminiert fühlen, unter dem Motto „Nicht jammern, sondern klagen!“ aktiv aus ihrer Opferrolle auszubrechen und für ihre Rechte einzutreten. Um Diskriminierung jedoch nachhaltig zu beenden oder sogar vorzubeugen, ist des dem BUG neben der Unterstützung bei Klagen außerdem wichtig, politische Entscheidungsträger über Diskriminierungssachverhalte zu informieren und ihnen Bearbeitungs- und Lösungsansätze vorzuschlagen. So berät es derzeit den NSU-Untersuchungsausschuss hinsichtlich der Frage, inwiefern struktureller Rassismus innerhalb der involvierten Behörden eine Rolle in dem Fall spielte.

SV Rot-Weiß Viktoria Mitte 08 e. V.

An der Schnittstelle zwischen Berlin-Mitte und Wedding gründeten Eltern, nachdem sie für ihre Kinder vergeblich einen Sportverein gesucht hatten, 2008 ihren eigenen Verein: den SV Rot-Weiß Viktoria Mitte 08 e.V., der mit seinen über 2000 Mitgliedern mittlerweile zu den Großvereinen Berlins gehört. Ob Fußball, Aikido, Schwimmen, Volleyball oder Yoga, der sportlichen Betätigung sind hier kaum Grenzen gesetzt. Anders als in anderen Vereinen stehen die speziellen Bedürfnisse von Familien dabei im Vordergrund, was dazu führt, dass hier viele Eltern gemeinsam mit ihren Kindern trainieren. Mit rund 80 Prozent machen Kinder und Jugendliche den Großteil der Vereinsmitglieder aus und ihre Entwicklung ist es, die dem Verein besonders am Herzen liegt. So baute er unter dem Motto „Unser Verein engagiert sich im Stadtteil“ zahlreiche Partnerschaften mit Schulen und Kitas der Umgebung auf. Dort bieten ehrenamtlich tätige Trainer mehrmals pro Woche verschiedene AG´s an. Ein Beispiel dafür ist die Gustav-Falke-Grundschule im Wedding, an der unter Anleitung von Trainer Vicente Januario ca. 20 Kinder im Alter von 9-10 Jahren Fußball spielen. Was dabei besonders auffällt, ist der faire Umgang miteinander. Schimpfwörter hört man keine, fällt einer hin, sind die anderen sofort zur Stelle, um zu helfen. Das war nicht immer so, vielmehr herrschte zu Beginn ein sehr rauer Umgangston an den Schulen. Aus diesem Grund führte der Verein das sogenannte „Linguistik Foul“ ein, bei dem die Kinder und Jugendlichen, sobald sie Schimpfwörter verwenden, für zwei Minuten auf die Strafbank müssen. Mittlerweile halten sich fast alle an diese Regel, nur noch in Ausnahmenfällen muss einer an den Rand. Für einen Verein, dessen Mitglieder aus über 20 verschiedenen Nationen kommen, spielt auch das Thema Sprache und Verständigung eine wichtige Rolle. Um ein offenes und faires Miteinander gewährleisten zu können, einigte sich der SV Rot-Weiß Viktoria Mitte 08 e. V. deshalb auf Deutsch als gemeinsame Sprache auf dem Sportplatz. Doch auch wenn untereinander Deutsch gesprochen wird, spielt die kulturelle Vielfalt der Mitglieder eine wichtige Rolle im Vereinsleben. Unter dem Motto „Sport spricht alle Sprachen“ werden so zum Beispiel einzelne Länder im Rahmen der internen Sportveranstaltungen präsentiert. Dabei sind alle Vereinsmitglieder, die aus dem jeweiligen Land kommen, aufgefordert, sich und ihre Erfahrungen einzubringen, wodurch die Kommunikation untereinander angeregt wird und bestehende Vorurteile abgebaut werden.

Als einen „Mikroorganismus, der durch die einfache tägliche Arbeit auf einer kleinen Ebene viel leisten kann“, beschreibt sich der SV Rot-Weiß Viktoria Mitte 08 e. V. selbst und nimmt seine Aufgabe dabei sehr ernst. Aus dem Gebiet rund um die Bernauer Straße ist er nicht mehr wegzudenken. Vielmehr ist er für viele Familien, die dort leben, zu einem zweiten Zuhause geworden.

 


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