Fehlende Ausbildungsplätze, kein bezahlbarer Wohnraum, mangelhafte Kommunikation: DGB-Jugendumfrage zeigt Hürden bei der Ausbildungssuche
Berlin, 26. August 2026 – Junge Menschen wollen eine gute Berufsausbildung und ihre Zukunft selbstbestimmt gestalten. Doch zu wenige Ausbildungsplätze, rasant gestiegene und für viele unbezahlbare Mieten, lange Wege und frustrierende Bewerbungsverfahren erschweren ihnen den Einstieg ins Berufsleben. Das zeigt die neue Jugendbefragung „Ausbildung? Wohnen? Zukunft?“ des DGB und der DGB-Jugend Berlin-Brandenburg, deren Ergebnisse heute vorgestellt werden.
Die Lage auf dem Ausbildungsmarkt hat sich weiter verschärft: Ende Juli waren in Berlin 10.648 junge Menschen noch ohne Ausbildungsplatz – 9,1 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Gleichzeitig gab es 5.562 unbesetzte betriebliche Ausbildungsstellen, 9,1 Prozent weniger als im Vorjahr. In Brandenburg suchten noch 5.138 junge Menschen einen Ausbildungsplatz, 4,3 Prozent mehr als im Vorjahr; die Zahl der unbesetzten betrieblichen Ausbildungsstellen sank um 10,4 Prozent auf 5.017.
„Natürlich braucht Ausbildung gute soziale Rahmenbedingungen. Vor allem aber braucht es überhaupt erst einmal ausreichend Ausbildungsplätze für alle, die sich für eine Ausbildung interessieren. Wenn immer mehr junge Menschen suchen und das betriebliche Angebot gleichzeitig schrumpft, müssen Politik und Wirtschaft handeln. Wer heute nicht ausbildet, verschärft den Fachkräftemangel von morgen und verbaut die Perspektiven junger Menschen“, sagt Nele Techen, stellvertretende Vorsitzende des DGB Berlin-Brandenburg.
Wohnen und Mobilität werden zur Ausbildungsfrage
An der explorativen Online-Befragung im Juni und Juli 2026 beteiligten sich 162 Jugendliche und junge Erwachsene aus der Hauptstadtregion. Knapp zwei Drittel absolvieren bereits eine Ausbildung, knapp ein Drittel besucht noch die Schule. Die Ergebnisse geben gute Einblicke in Erfahrungen, Probleme und Wünsche junger Menschen.
57 Prozent der Befragten sehen fehlenden bezahlbaren Wohnraum als Grund dafür, dass Jugendliche keinen passenden Ausbildungsplatz finden. 56 Prozent sind die Berliner Mieten zu hoch, jede*r Zweite findet nur schwer eine passende Wohnung oder ein Zimmer. 43 Prozent leben auch deshalb noch bei den Eltern, weil sie nichts Bezahlbares finden. Fast 80 Prozent fordern von der Berliner Politik mehr bezahlbaren Wohnraum für junge Menschen – häufiger als jede andere abgefragte Maßnahme.
Auch Mobilität begrenzt die Auswahl: Die Hälfte ist im Alltag häufig lange unterwegs, 40 Prozent empfinden lange Fahrtwege als große Belastung und 27 Prozent sehen ihre Möglichkeiten durch schlechte Verbindungen eingeschränkt. Gerade im Flächenland Brandenburg kann ein zu selten fahrender oder schlecht angebundener öffentlicher Nahverkehr darüber entscheiden, ob ein Ausbildungsplatz überhaupt erreichbar ist.
Gwendolyn Stilling, die die Umfrage im Auftrag des DGB durchgeführt hat, erklärt: „Wohnen wird zunehmend zur Ausbildungsfrage, fehlende Rückmeldungen und mangelnde Wertschätzung im Bewerbungsprozess sorgen für Frust. Junge Menschen wünschen sich Bedingungen, die ihnen finanzielle Selbstständigkeit und eine verlässliche berufliche Zukunft ermöglichen.“
Ghosting und komplizierte Verfahren frustrieren
Wie bereits bei der DGB-Befragung im vergangenen Jahr berichten viele junge Menschen von Ghosting und mangelnder Wertschätzung. 54 Prozent der Befragten mit Bewerbungserfahrung erhielten schon einmal überhaupt keine Reaktion auf eine Bewerbung. 58 Prozent warteten mehrere Wochen auf eine Antwort, ein Drittel bekam lediglich eine Eingangsbestätigung und hörte danach nichts mehr. Nur acht Prozent erhielten eine Absage mit persönlichem Feedback. Zugleich wünschen sich 39 Prozent weniger komplizierte Bewerbungsverfahren.
„Wer eine Bewerbung verschickt, verdient eine verlässliche und respektvolle Antwort – auch wenn es eine Absage ist. Mehr als jede*r Zweite wurde stattdessen schon einmal einfach ignoriert. Hinzu kommen Auswahltests, komplizierte Verfahren und unnötig hohe Einstiegshürden. Betriebe und öffentliche Arbeitgeber müssen ihre Bewerbungsprozesse vereinfachen, transparent gestalten und zeitnah Rückmeldung geben. Motivation und Potenzial müssen stärker zählen als der makellose Lebenslauf“, sagt Elena Peckhaus, Bezirksjugendsekretärin des DGB Berlin-Brandenburg.
Junge Menschen verlangen Respekt und Selbstbestimmung
Ein Drittel der Befragten fühlte sich im Bewerbungsprozess zumindest manchmal nicht ernst genommen. Gleichzeitig nennen sie ein gutes Team, ein Einkommen, von dem sie leben können, Wertschätzung, Übernahmechancen und berufliche Sicherheit als zentrale Bedingungen einer guten Ausbildung. Hinter diesen Erwartungen steht der Wunsch, das eigene Leben planen und unabhängig gestalten zu können.
Der Wunsch nach Gestaltungsfreiheit, nach Wahlmöglichkeiten und der Aussicht, den eigenen Weg bestimmen zu können, hat laut Landesschülervertreterin Jennifer Rosin eine große Bedeutung für viele Schülerinnen und Schüler. Für Verunsicherung sorgt in diesem Zusammenhang auch die Diskussion über die Wiedereinführung der Wehrpflicht und weiterer Dienstpflichten, sagt Rosin: „Dass fast zwei Drittel der Befragten die neue Wehrpflicht ablehnen, verwundert uns als LSA nicht. Die Wehrpflicht verstärkt in mehrfacher Hinsicht die wachsende Verunsicherung junger Menschen über ihre Zukunft.“
„Junge Menschen fordern nichts Unangemessenes“, stellt Nele Techen klar. „Sie wollen die Weichen für ihren Lebensweg selbst stellen können. Sie wollen respektvoll behandelt werden, von ihrer Ausbildungsvergütung leben können, eine bezahlbare Wohnung finden und eine verlässliche Perspektive nach dem Abschluss haben. Selbstbestimmung darf nicht vom Geldbeutel der Eltern, vom Wohnort oder von der Geduld beim oftmals monatelangen Warten auf eine betriebliche Antwort abhängen“, so Techen.
Der DGB fordert deshalb mehr betriebliche Ausbildungsplätze und eine solidarische Ausbildungsumlage, höhere tarifliche Ausbildungsvergütungen, den konsequenten Ausbau bezahlbarer Wohnheimplätze – etwa durch ein AzubiWERK – sowie einen bezahlbaren und verlässlichen ÖPNV in beiden Ländern. Betriebe und öffentliche Arbeitgeber müssen Auswahlverfahren einfacher, fairer und wertschätzender gestalten. Die neue Befragung knüpft an die Untersuchung von 2025 an. Ihr Befund bleibt aktuell: Wer Fachkräfte gewinnen will, muss jungen Menschen echte Chancen geben und Ausbildung als gemeinsame Verantwortung begreifen.
Die Auswertung der Umfrage kann hier als PDF heruntergeladen werden.