Deutscher Gewerkschaftsbund

29.08.2014
90 Jahre Büchergilde:

Das Buch als Grundnahrungsmittel!

von Dieter Pienkny

Liebe Frau Binger, geschätztes Team der Büchergilde, liebe Kolleginnen und Kollegen,

ich habe das Vergnügen, im Namen des DGB meine Glückwünsche zu überbringen!

Der Film ist tot, das Buch ist tot, das Fernsehen, die Zeitung liegen in den letzten Zügen. Mit diesen Hiobsbotschaften überziehen uns die Kulturpessimisten seit Jahren. Hier steht der Gegenbeweis: Für 90 Jahre wirkt die Büchergilde sehr lebendig, unternehmungslustig und motiviert.¨

Und das liegt nicht zuletzt an den Förderern und Propagandisten der Literatur, die heute hier versammelt sind. Ich habe die Agitation pro Buch und Mitgliedschaft am eigenen Leine verspürt, als mich Frau Binger für die Büchergilde gewinnen wollte. Es hat gedauert, aber sie hat gesiegt. Mir kam die Büchergilde damals ziemlich verschnarcht vor, aber sie hat nicht nur ihr Image, sondern auch ihr Sortiment aufgepeppt. Ich habe es nicht bereut.

Logo Büchergilde

Büchergilde

Ich werde professionell beraten, ich bekomme Buchtipps und werde auch auf DVDs unaufdringlich hingewiesen, wenn etwas Sinnvolles dabei ist.

Mittlerweile kennt man hier meinen Geschmack und mein Faible für Cartoons.

Kein Geringerer als Sasha Lobo, der von allen Parteien als Internetexperte gepriesene, guckte ganz verzückt in die Kameras, als er sein erstes gedrucktes Buch (nicht ausgedrucktes) in den Händen hielt.

Es muss für alle etwas Faszinierendes sein, Selbstgeschriebenes zwischen zwei Buchdeckeln gedruckt zu erleben. Und sinnlich zu erfahren. Das sehen selbst die Digital Natives so, die ja mit Internet, Facebook, Smartphone eine fast erotische Beziehung eingegangen sind. Auch das Leseerlebnis ist mit einem Buch eindringlicher als digital mit einem E-Book, wie jüngste Studien zeigen: Die Leserin, der Leser speichert das in einem Buch Gelesene besser ab!

Die Büchergilde gibt den Gewerkschaften das Gefühl, immer auch Teil einer Kulturbewegung zu sein. Fast wie in der Weimarer Zeit, als Arbeitersportvereine, Arbeitergesangsvereine, Arbeiterbildungsvereine existierten. Doch diese Traditionen wurden nach 1945 nur rudimentär fortgesetzt. Leider.

Die Gewerkschaften gingen nicht immer sehr pfleglich mit ihrer Kulturinstitution um. Auch in der Arbeiterbewegung benötigte die politische Kultur Entwicklungshilfe, um zu erkennen, welchen Schatz sie mit der Büchergilde in ihren Reihen beherbergt. Nun wandelt die Büchergilde auf neuen Pfaden. Die Genossenschaftsbewegung erlebt ihre Renaissance und mit ihr hoffentlich auch die Büchergilde.

Doch das Interesse an der eigenen Historie, das Erinnern an die Vorkämpfer und Vorkämpferinnen, nicht nur am Frauentag, es wächst.

Mit ihren Ausstellungen, Lesungen u.a. zum Antikriegstag, mit den liebevoll gestalteten Grafik-Ausstellungen in ihrem Buchladen weckt Frau Binger mit ihrem Team unsere Neugier und zeigt uns, wie breit Kultur sein kann.

Und dafür gebührt allen hier Dank!

In einem brillanten Aufsatz hat Hilmar Hoffman, ehemals Kulturdezernent in Frankfurt/Main, 1980 in einer Festschrift für Eugen Loderer formuliert, Zitat:

Kultur ist, wie der ganze Mensch lebt. Der gesamte Lebensprozess ist Teil unserer Kultur, unsere Beziehungen zur sozialen Umwelt, zum Partner, unsere Weise zu wohnen oder uns zu ernähren, die Art des Arbeitens, unsere Beziehungen zur Natur und schließlich zur Geschichte machen ebenfalls unsere Kultur aus.“

Und: „Die Durchsetzung des Achtstundentags war ganz ohne Frage eine Kulturerrungenschaft!“

In diesem Sinne hoffen wir, dass die Büchergilde uns weiter agitiert, Kultur unser Antriebsmittel bleibt und wir noch viele Jahrzehnte von den künstlerischen Kleinoden hier im Laden profitieren können.

Danke für Ihre Aufmerksamkeit.


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