Deutscher Gewerkschaftsbund

15.02.2017
Geschichte

Betriebsrat der erste Stunde: Zum 40. Todestag Erich Lübbes

von: Wolfgang Walter, IG Metall

Erich Lübbe war Betriebsrat der ersten Stunde bei Siemens. Zu seinem 40. Todestag erinnert Wolfgang Walter, bis 2016 Betriebsrat im Siemens-Meßgerätewerk und weiterhin mit der Geschichtsarbeit zur NS-Zwangsarbeit bei Siemens befasst, in diesem Artikel an den Mitbegründer der Hans-Böckler-Stiftung.

Wir erinnern an den Mitbegründer der Hans-Böckler-Stiftung, der heute vor 40 Jahren starb. Der Lebensweg von Erich Lübbe gleicht einer Zeitreise durch die deutsche Gewerkschaftsgeschichte, insbesondere den sozialdemokratischen Teil. Wichtige Stationen führen auch zu Siemens.

Erich Lübbe ca. 1930

Erich Lübbe, ca. 1930

Bis 1933
Für den fünfundzwanzigjährigen gelernten Dreher sollte der Militärdienst im Ersten Weltkrieg schon nach wenigen Monaten enden, denn Siemens reklamierte Fachkräfte für die Rüstungsproduktion. Im August 1915 wird Lübbe im Berliner Dynamowerk eingestellt. Bereits mehrere Jahre ist er da schon im Deutschen Metallarbeiterverband (DMV) organisiert.  Im Zuge der Novemberrevolution 1918 wählen ihn die Beschäftigten seines Betriebs in den Arbeiterausschuss. Er wird USPD-Mitglied, wechselt aber 1922 wie viele andere zur SPD.

Lübbe steht für die erste Stunde der Betriebsratsarbeit bei Siemens: 1920 wird er nach dem gerade verabschiedeten Betriebsrätegesetz zum Betriebsratsvorsitzenden des Dynamowerks gewählt, kurz darauf wird er der erste Gesamtbetriebsratsvorsitzende bei Siemens.

Der Autodidakt bildet sich beruflich und gewerkschaftlich weiter, wird Vorstandsmitglied der "Internationalen Gesellschaft zur Bestgestaltung der Arbeit", ist Mitglied im Berliner Ortsvorstand des DMV und wird in den Hauptvorstand delegiert. Überdies ist er ehrenamtlicher Arbeitsrichter und im Vorstand der Funktechnischen Verreinigung. Sein politisches Engagement führt ihn 1932 in den Reichstag, wo er am 23. März 1933 als Abgeordneter der SPD-Fraktion gegen das Ermächtigungsgesetz stimmt.

1933 – 1945
Tage später kommt es bei Siemens zur Besetzung der Betriebsratsbüros durch die NSBO. Aber Lübbe will sein Büro selbst unter Androhung von Waffengewalt nicht verlassen und verbarrikadiert sich. Heftig Widerstand leistend, wird er schließlich von vier Mann aus seinem Büro herausgetragen.

Trotz einem über Jahre gewachsenen und engen Verhältnis zum Firmenchef Carl-Friedrich von Siemens kündigt Siemens Mitte Mai das Arbeitsverhältnis mit Lübbe. Die Pogromstimmung in diesen Monaten des Umbruchs zwingt ihn zum Untertauchen. Häufig wechselt er seinen Aufenthaltsort innerhalb Deutschlands und bleibt bis 1935 ohne Arbeit. Da stellt ihn überraschend die Heliowatt AG in Berlin, die zum Siemens-Konzern gehört, als Radiotechniker ein.  

Lübbe hält in diesen Jahren Kontakt zum sozialdemokratischen Widerstand um Max Urich, den ehemaligen Bevollmächtigten der Berliner DMV-Verwaltungsstelle.  Das bleibt der Gestapo nicht verborgen, aber ihm ist nichts nachzuweisen.

Am 1. September 1939, dem Tag des Überfalls auf Polen, wird er im Rahmen einer landesweiten Verhaftungsaktion vom Arbeitsplatz weg verhaftet und ins Konzentrationslager Sachsenhausen verbracht. Jeglicher Widerstand gegen den Krieg soll im Keim erstickt werden.

Zunächst zu Schwerstarbeit verpflichtet, wird Lübbe von den Deutschen Ausrüstungswerken, einem SS-Betrieb, aufgrund seiner technischen Fertigkeiten in die Elektrowerkstatt versetzt, wo er Radiogeräte reparieren muss. Lübbe wird auch die Überwachung und Wartung der Lautsprecheranlage des Lagers übertragen. Die damit verbundene Bewegungsfreiheit nutzt er zur Information über das, was 'draußen' vor sich geht. Seit sich die militärische Niederlage der Wehrmacht abzeichnet, stellt man im engsten Kreis von Sozialdemokraten konspirativ Überlegungen zur Zukunft Deutschlands an und trifft alle Vorkehrungen, um zu überleben. Lübbe überlebt das Lager Sachsenhausen und auch den sog. 'Todesmarsch' Ende April 1945.

Nachkriegszeit
In den ersten Nachkriegsjahren formieren sich Gewerkschaften und Parteien neu - geprägt durch die Weichenstellungen der Siegermächte, die auf eine Teilung Deutschlands hinauslaufen.  Für jeden Einzelnen der politisch Aktiven heißt es, sich orientieren, die eigene Position finden. Am diffizilsten ist die Situation in der Viersektorenstadt Berlin. Und das bekommt auch Erich Lübbe zu spüren:

Im Sommer 1945 wird Lübbe Mitbegründer der IG Metall im FDGB. Als Sekretär des Landesverbandes Berlin der SPD vollzieht er im April 1946 die Vereinigung mit der KPD und wird in den Berliner Landesverband und den zentralen Parteivorstand der SED gewählt. Lübbe ist zudem ab Herbst 1946 Stadtverordneter und Leiter der städtischen Betriebe Berlin. Zunehmende Anfeindungen und Repressalien von kommunistischer Seite gegen ehemalige SPD-Mitglieder bewegen ihn zwei Jahre später, als Leiter zurückzutreten und alle SED-Parteiämter niederzulegen. Ende 1950 erklärt er seinen Austritt aus der SED und wird 1951 wieder Mitglied der SPD.
Nach einer kurzen freiberuflichen Tätigkeit als "Mitarbeiter für Entgeltfragen" bei Siemens wird Lübbe noch 1951 zum Leiter der "Abteilung Mitbestimmung" beim DGB Düsseldorf berufen. Ab 1958 bis zu seinem Ruhestand 1961 ist er Geschäftsführer der "Stiftung Mitbestimmung", heute bekannt unter dem Namen Hans-Böckler-Stiftung.


Im betagten Alter von 85 Jahren stirbt Lübbe am 15. Februar 1977 in Berlin. Menschen wie er haben den sozialen und demokratischen Rechtsstaat der Bundesrepublik maßgeblich aufgebaut. Wir haben ihnen viel zu verdanken.


Nach oben

Bezirks-Newsticker

Themenverwandte Beiträge

Artikel
Internationaler Frauentag in Ostbrandenburg
Zu einer Festveranstaltung mit Frauen aus der aktiven Flüchtlingsarbeit, weiblichen Asylsuchenden und Gewerkschafterinnen lädt der DGB Ostbrandenburg Internationalen Frauentag nach Schwedt ein. Außerdem gratuliert der DGB in Prenzlau weiblichen Beschäftigten aus Einzelhandel und Polizei mit Rosen zum Frauentag. Aktive Gewerkschafterinnen treffen sich zu Feiern in Prenzlau und Eberswalde. weiterlesen …
Pressemeldung
Tag der Arbeit in Berlin und Brandenburg: 30.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer bei DGB-Veranstaltungen für soziale Gerechtigkeit
Unter dem Motto „Wir sind viele, wir sind eins!“ sind am Tag der Arbeit 30.000 Menschen in Berlin und Brandenburg für soziale Gerechtigkeit auf die Straße gegangen. Bei der größten Kundgebung in Berlin stellte die DGB-Bezirksvorsitzende Doro Zinke vor 14.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmern Solidarität und gesellschaftlichen Zusammenhalt ins Zentrum: „Bei aller Verschiedenheit, die wir mitbringen, sind wir einig im Einsatz für ein gutes Leben, Humanität und Toleranz.“ Zur Pressemeldung
Artikel
Neue Leitung im BSAK
Die neue Leitung des Senioren-Arbeitskreises im DGB Bezirk Berlin-Brandenburg wurde am 14. September 2017 ohne Gegenstimme gewählt. weiterlesen …

Zuletzt besuchte Seiten